fot. Grzegorz Płaczek

UBER EINEN MALER...

Die seit dem 19. Jahrhundert immer noch herumgeisternde Überzeugung, dass das Studium auf der Kunsthochschule eine unabdingbare Voraussetzung in der Karriere jedes Künstlers ist, hat sich besonders stark in Polen verwurzelt. Gegenüber der zunehmenden Redefreiheit und den Leistungen im Bereich der Bildenden Künste als auch der damit verbundenen, immer häufigeren Kontroversen, sollte gerade der Abschluss solch einer Hochschule sie als rein künstlerisch gutheißen. Der Fall von Mariusz Zdybał ist ein Beispiel dafür, dass es so gar nicht sein muss. Trotz der fehlenden akademischen Ausbildung, ist er ein bekannter und beliebter Kunstmaler. Sein Durchbruch zur Spitze ist ein mühsamer, lang dauernder Prozess des Selbststudiums, das durch Talent, Geduld und eiserne Zielstrebigkeit unterstützt wurde.

Mariusz Zdybał wurde im Jahre 1955 in Warschau geboren. In der Hauptstadt hat er seine Jugend verbracht und Ausbildung erworben. Eine keineswegs künstlerische Ausbildung. Satori hat er jedoch relativ spät erlebt, und zwar erst im Jahre 1981. Private Störungen existentialer Natur haben den damals 26-Jährigen Zdybał zu einer völligen Veränderung der Werte und seines bisherigen Lebens bewegt. Die Folge der Überlegungen und auf ihrer Basis getroffenen Entscheidungen war der Umzug nach Hirschberg, eine Provinz – im positiven Sinne des Wortes. Schon vor Ort hat er entschieden, dass er sich mit Malerei seinen Lebensunterhalt verdienen wird [sic!]. Selbstbewusst und enthusiastisch hat er mit der Analyse und dem Kopieren berühmter Bilder angefangen. Die hat er dann erfolgreich verkauft. Zu seinen Meistern wurden „die Besten der Besten“ – hervorragenden, europäischen Künstler, Vertreter aller Epochen: von dem Mittelalter bis zur Gegenwart. Die Auflistung aller wäre hier unmöglich, es sollten jedoch diejenigen erwähnt werden, die Zdybals späteren, individuellen Stil wesentlich beeinflusst haben. Es sind: Florentiner Sandro Botticelli, mit seinem Linearismus, seiner Dekorativität und Anmut, mit der er Frauensilhouetten gemalt hat; Tiziano Vecelli aus Venedig, als Tizian bekannt, der sich durch einen raffinierten, sparsamen Kolorit und meisterhaften Lasuren auszeichnet; zahlreiche Vertreter der Niederländischen Schule aus dem 17. Jahrhundert, die „großen und kleinen“ Meister, die Wert auf die generelle Qualität der Gemälden, den weit vorgeschrittenen Realismus und die außergewöhnliche Präzision in der Wiedergabe der kleinsten Details gelegt haben; Salvador Dali, der wie kein anderer zuvor seine Vorstellungskraft ohne Hemmungen ausgenutzt hat, um die einfache Wirklichkeit in neuartigen Kontexten darzustellen. Alle diese oben erwähnten Eigenschaften sind in seinen späteren Werken zu erkennen, die er nach langjährigen Studien und Nachahmungen geschaffen hat. Es ist gerade die Kunst der vergangenen Generationen und Epochen, die ihm bei der Erarbeitung einer individuellen, leicht erkennbaren Konvention der künstlerischen Aussage geholfen hat. Das betrifft sowohl das Verfahren /die Technik/ als auch die Regeln, die die Bildfläche ordnen /der Stil/.

Die langjährige Mühe hat sich gelohnt. Im Jahre 1988 in der Galerie „A“ in Krakau fand die erste, individuelle Ausstellung der Werke von Mariusz Zdybał statt. In dem gleichen Jahr hat der frisch gebackene Künstler seine hohen Ambitionen bestätigt, indem er seine Bilder in der Warschauer Galerie „Intraco II“ mit großem Erfolg ausgestellt hat. Danach ging es glatt. 1995 wird Zdybał in den Verband der Polnischen Bildenden Künstler (ZPAP) eingenommen. Er stellt in zahlreichen einheimischen und ausländischen Galerien aus, darunter in Danzig, Gdingen, Hirschberg, Düsseldorf und Doesburg. Im Jahre 1998 findet eine große, retrospektive Ausstellung Zdybałs in der Galerie von Ulrich Gonert statt, einem bekannten berlinischen Kunsthändler, Mäzen und zugleich dem Herausgeber des ersten, luxuriösen Katalogs über das Schaffen des Künstlers. Einen bedeutenden Erfolg erzielt er in 1999 in Marsilia, wo er die Goldmedaille in einem internationalen Malerwettbewerb „MCA“ gewinnt. Zu den weiteren Trophäen gehört der Grand Prix Preis in der Malerei-Kategorie, die er im Jahre 2000 in Cannes bekommt. Die Jahre von 2001 bis 2008 sind die Zeit einer schöpferischen Stagnation. Zdybał zieht in dieser Zeit nach Hirschberg – da wohnt und arbeitet er bis heute – und konzentriert sich hauptsächlich auf individuellen Bestellungen. Er verkauft auch einzelne Werke an die einheimischen und ausländischen Galerien, engagiert sich jedoch in große Ausstellungsprojekte nicht. Ein gelungener Rückkehr erfolgt im Oktober 2009, als in der Warschauer Galerie „TAB“ 20 seiner neuen Leinwände ausgestellt werden. Die letzte große Präsentation der Werke von Mariusz Zdybał fand in Mai 2011 statt. Es war die III Promotionsauktion, die unter Schirmherrschaft der Warschauer Abteilung der ZPAP in der Verbandsgalerie „DAP“ organisiert wurde.

Bei der Zusammenfassung der kurzen Biografie des Kunstmalers, sollte seine eigene Aussage vorgeführt werden. Vor einigen Jahren hat er festgestellt, dass sein Leben erst angefangen ist, als er Künstler wurde. Ars est philosophia vitae – könnte man nach Cicero hinzufügen.

UBER SEINE MALEREI...

Für viele Kritiker der heutigen Malerei ist der klassische, solide erlernter Realismus natürlich ein Anachronismus. Wenn man dazu noch die perfekt wiedergegebenen Fantasiegebilde und Zaubereimotive gibt, erheben sie gleich die Stimme, denn es sei die Kunst der zweiten Wahl, die sich nur zu Kinderbücherillustrationen oder Literatur im Stil von Tolkien oder SF-Schöpfer eignet.

Wie sollte also das Phänomen der Popularität solcher Künstler wie Zdzisław Beksiński, Jarosław Kukowski, Rafał Olbiński, Tomasz Sętowski, Wojciech Siudmak, Henryk Waniek oder Jacek Yerka erklärt werden? Ihre Werke sind ein Aufeinandertreffen des Wachzustands und der Träume, voller zauberhaften Atmosphäre. Es ist die Märchenwelt, die von Märchenwesen belebt wird, weit von der irdischen Zeit und Raum entfernt. Es lässt sich dadurch erklären, dass diese „fantastische“ Künstlergruppe mit ihren Werken den Geschmack und die Perzeptionsmöglichkeiten eines großen Empfängerkreises erreichen. Dazu zählen auch Menschen, die sich alltags für die Kunst nicht interessieren. Es sind Empfänger, die von der Vielzahl der oft auch für die Experten unverständlichen Richtungen, Stile und Trends gelangweilt sind. Es sind Empfänger, die die Virtuosität und die Vorteile der soliden Ausbildung schätzen und sie als Grundlage der künstlerischen Tätigkeit verstehen. Es sind Empfänger, die kulturell an die lineare Perspektive gewöhnt sind und die für durchsichtige Visualisierungen von außergewöhnlichen Ereignissen aufgeschlossen sind.

Die Betrachtung seiner Werke ist meistens durch eine subtile, schwer definierbare Spannung begleitet. Erweckt wird sie durch die für sein Schaffen charakteristischen surrealen Konstellationen von naturalistisch wiedergegebenen Personen, Gegenständen und Orten. Diese bewusste, durch seine malerische Meisterschaft verzaubernde Fusion der realen und fantastischen Elemente, wirkt stärker auf die Sinne und Fantasie als auf den Intellekt des Empfängers. Es ist übrigens kein intellektuell überfülltes Schaffen. Zdybał erzählt uns keine schönen Geschichten, kommentiert die Realität nicht, engagiert sich nicht in gesellschaftlich wichtige Angelegenheiten. Er malt einfach. Glatt und penibel, mit seiner eigenen Fantasie als spiritus movens. Diese flüstert ihm zu, dass das anmutigste malerische Thema ist die Gestalt einer Frau. Gekleidet oder nackt, stehend oder schreitend, liegend oder sitzend, meistens einsam, in einem entrealisierten Raum, mit einer architektonischen Staffage als Hintergrund, in einer märchenhaften Landschaft. Seinen Frauen steht Zdybał mit großem Respekt gegenüber. Sie deformiert er nicht. Dagegen bekleidet er sie mit unerhört prächtigen Kreationen. Er erlaubt sich jedoch eine gewisse Umwandlung auf der malerischen Ebene. Es sind die glänzenden, metallischen Hautfarben der dargestellten Personen, die zugleich eine einzigartige Autorensignatur sind.

Trotz des ständigen Bezugs zu der Fantasiewelt, führt Zdybałs Malerei ziemlich leicht zu einem sinnlichen Erkenntnis. Die geschickte Einsetzung der Lasur vertieft den Effekt der Theatralik. Die sorgfältige Zeichnung und Kompositionsschlichtheit machen den künstlerischen Ausdruck klar und verständlich, sogar für einen weniger erfahrenen Empfänger. Umso mehr, als hier kein Zufall erlaubt ist und die Überlegungen jede kleinste Einzelheit betreffen. Um den beabsichtigten künstlerischen Effekt zu erzielen, komponiert Zdybał seine Werke vertikal. Er meidet auch keine Symmetrie. Die Vorliebe zu gerade solchen Methoden des Flächenaufbaus lässt sich durch seine vorherige Faszination und tiefe Analyse der alten Künste erklären. Vor allem im Mittelalter waren solche Lösungen besonders beliebt. Die alte Kunst prägt auch die große Differenzierung der von Zdybał benutzten Farbpalette. Mit ähnlicher Gewandtheit bedient er sich sowohl der zu einer oder einigen Farben begrenzten Palette, meistens in kalten Tönungen, als auch der breiten Farbpalette mit starken Kontrasten. Diese Kontraste heben bedeutend die grafische Seite der Werke hervor und verdeutlichen zugleich den Volumen der gemalten Gestalten und Gegenständen.

So wie die Mehrheit der Fantastik-Künstler, scheint Zdybał ein besserer Grafiker als Maler zu sein. Bei der Darstellung der Motiven für einen künstlerischen Geist, benutzt er die strenge Modellierung, die eher an Zeichnen als an Malerei erinnert. Er bildet einen starken Kontrast zu der weichen, helldunkel-farbigen Art der Raum- und Atmosphärengestaltung, in der diese Motive funktionieren. Diese formale Maßnahme verleiht den statischen Kompositionen von Zdybał etwas Dynamik. Die dargestellten Personen und Gegenstände scheinen zu levitieren und auf eine eigene, von der Umgebung unabhängige Art und Weise zu „leben“. Diese schon ohnehin geheimnisvolle Aura der präsentierten Welt, wird noch geheimnisvoller, was den Empfänger zusätzlich unberuhigt und unsicher macht, wenn es um die Intentionen des Schöpfers geht.

Es selbst verkörpert sich oft in die Rolle eines Souffleurs, indem er Hinweise gibt: durch den Titel, durch das Thema oder durch die Paraphrase eines berühmteren Werks. Dabei ist er aber nicht allzu aufdringlich – und zurecht. Er erlaubt dem Zuschauer seine eigenen Assoziationen und Interpretationen seiner Werke zu entwickeln.

Wie jeder hervorragender Künstler ist Zdybał selbst für sich der strengste Rezensent. Daher seine ständige Fortbildung, seine unaufhörliche Suche nach einem befriedigenden Aussagemittel. Damit sind auch seine häufigen Rückblicke in die früher realisierten Themen zu erklären. In Zeiten, in denen man lieber benennt als schafft, scheint sein raffiniertes und von jeder Avantgarde entferntes Werk eine vornehme Oase der Ruhe zu sein, in der man sich von der Kakofonie der unverständlichen -ismen und -arten sowie von den gegenwärtigen Kunstkonzepten erholen kann. Dabei ist Mariusz Zdybał doch selbstverständlich ein Gegenwartskünstler?

Krzysztof Sztuciński
Kunsthistoriker

Tłumaczenie: Justyna Jeleniewska

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